Strom vom Dach nebenan

Wie bringt man möglichst viele Solarpanels auf die Dächer? Der Verein Sunraising versucht es mit Verwurzelung im Quartier und einem einfachen Modell.

Strom aus Wind und Sonne ist in der Schweiz Mangelware. Gerade einmal 187 kWh pro Person wurden 2016 produziert. Derweil fliesst in Dänemark, Schweden oder Deutschland sieben Mal mehr Strom pro Person aus erneuerbaren Energien. Es verwundert daher nicht, dass die Schweiz bei den Erneuerbaren im europäischen Vergleich abgeschlagen auf dem 25. Rang liegt. Trotzdem tut sich auch hierzulande etwas.

So finden sich immer mehr Solarpanels auf den Dächern. Noch 2015 lag der Anteil von Solarstrom an der gesamten Stromproduktion gemäss dem Schweizerischen Fachverband für Sonnenenergie «Swissolar» bei bloss 1.9 Prozent. Bis Ende 2018 könnte sich dieser Wert aber schon fast verdoppeln. Anteil daran haben immer mehr «Bürgerinitiativen» wie der Verein Sunraising. So können auch Bernerinnen und Berner ihren Beitrag zur überfälligen Energiewende leisten.

Ein einfaches Konzept

Es ist ein warmer Frühlingstag. Die Sonne scheint prall vom Himmel, während sich über dem Jura und den Alpen erste Gewitterwolken bilden. An der Jurastrasse im Berner Lorrainequartier sticht ein frisch renoviertes Haus ins Auge. Helles Holz ergänzt ein dunkles Dach – komplett bedeckt mit Solarpanels. «Es ist schön, wieder einmal hier zu sein», meint Matthias Egli. Denn dieses Dach ist das erste von mittlerweile zehn Solaranlagen, die Sunraising in den letzten zwei Jahren realisieren konnte.

Damals sahen sich Matthias Egli und Mélanie Mettler mit einem Problem konfrontiert. «Beim Feierabendbier schauten wir einmal über die Dächer der Stadt und dachten: Das kann doch nicht sein, dass es in der ganzen Stadt Bern kaum Solaranlagen gibt», erinnert sich Egli an die Initialzündung des Projekts. Die meisten Menschen in Bern sind Mieter*innen. Sie haben zwar ein Dach über dem Kopf, doch es gehört ihnen nicht. Also können sie eigenständig auch keine Solarpanels darauf installieren. Wollen sie sich trotzdem für Solarenergie einsetzen, müssen sie entweder den ökologischen Strommix des städtischen Stromlieferanten bestellen oder sich in einer Genossenschaft zusammentun und mit viel Eigenaufwand irgendwo gemeinsam eine Anlage realisieren.

Darum tüftelten Mettler und Egli an einer Alternative, damit Menschen mit wenig Aufwand aktiv werden können. Das daraus entstandene Konzept ist einfach: Zuerst organisiert Sunraising eine Solaranlage. Dazu suchen und prüfen sie geeignete Dächer in Bern. Werden sie fündig, können interessierte Menschen aus dem Quartier einen Quadratmeter – oder auch mehr – für die nächsten 20 Jahre kaufen. Sobald alle Quadratmeter verkauft sind, wird die Anlage gebaut. Für die Konsument*innen ist dieses System unkompliziert, weil Sunraising direkt mit dem lokalen Stromlieferanten zusammenarbeitet. Wer also einen Quadratmeter Solarpanel «besitzt», bekommt ganz automatisch auf der Stromabrechnung die entsprechende Gutschrift.

Die Solaranlagen stehen dabei nicht irgendwo, sondern auf Dächern mitten in den Quartieren, wie hier an der Jurastrasse. Dort wo der Strom hingeht, kommt er auch her. So können Menschen beim Abendspaziergang «ihre» Anlage besuchen, bei der Einweihungssause dabei sein oder ganz einfach die Stadt aktiv ein bisschen nachhaltiger machen.

Ein Puzzleteil der Energiewende

Im Mai 2017 sprach sich die Stimmbevölkerung für die Energiewende aus. Weg vom riskanten Atomstrom und hin zur nachhaltigen Wind- und Sonnenenergie. «Solarstrom ist ein wichtiger Pfeiler der Energiewende. Dort wollen wir etwas bewegen», meint Umweltingenieur Egli. «Vor allem ist es ein Bereich, in dem jede und jeder etwas beitragen kann.» Und Mettler ergänzt: «Wir möchten einen Ansatzpunkt zeigen, wie Menschen die Energiewende persönlich in Angriff nehmen können.»

Der Bezug zur Stromproduktion ist bei den meisten Menschen gering. Wir sehen den dampfenden Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen, wenn wir von Bern nach Zürich düsen. Wir staunen über die riesige Staumauer, wenn wir im Valle Verzasca wandern gehen. Aber damit hat es sich auch schon. Woher der Strom aus der Steckdose kommt, wissen die meisten nicht. Auch dieses Bewusstsein will Sunraising wecken.

«Leute engagieren sich gerne lokal», meint Egli mit bedachter Stimme. «Wenn man die Sache sieht und spürt, dann kommen Emotionen ins Spiel und Menschen beginnen sich untereinander auszutauschen.» Dieser Austausch findet an verschiedenen Events und Nachbarschaftsfesten statt. «Wir haben sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet», erzählt Mettler. So auch bei der jährlich stattfindenden «Sunraising Challenge». Dort treten einzelne Quartiere gegeneinander an und versuchen, möglichst schnell «ein Dach zu füllen». Lokale Künstler*innen geben Konzerte für «ihr» Quartier und im Lokalradio wird zusätzlich Stimmung gemacht.

Auch wenn nicht alle sofort einen Quadratmeter kaufen, findet doch ein Umdenken statt. Es ist wenig erstaunlich, dass die beiden im Quartier bekannt sind. Passantinnen und Anwohner kommen schnell ins Gespräch; eine Frau bietet spontan den Gartensitzplatz an. Mettler erzählt auch von Menschen, die freiwillig an der Verbreitung der Idee mitarbeiten. Sie realisieren Infostände und überzeugen andere, ihren Stromverbrauch zu überdenken. Vielleicht ist das Solardach gar ein Eisbrecher der nachbarschaftlichen Vernetzung.

Aktiv mitgestalten

Die Nähe zu den Menschen macht Sunraising aus und setzt den Verein von ähnlichen Publicity-Anlangen grosser Produzenten ab. «Die lokale Verankerung ist sehr, sehr wichtig», erklärt Egli, der schon früh von der Kraft von Wind, Wasser und Sonne in den Bann gezogen wurde und als Kind Wasserräder bastelte. Es sei ein Unterschied, ob man beim Stromlieferanten ein Kreuzchen beim Ökostrom mache, oder aktiv den Strommix mitverändere, sagt Aline Trede, die mittlerweile die Geschäftsstelle leitet.

Überall in Europa spriessen ähnliche Bürgerinitiativen aus dem Boden. Oft schliessen sich Menschen zu einer Genossenschaft zusammen und realisieren eine eigene Anlage. Das bringt eine stärkere Identifikation mit der Zukunft der Stromproduktion und Stolz auf das gemeinsam Geschaffene. Aber es lohnt sich auch finanziell. Gemäss dem Energieatlas 2018 generieren lokale Energieprojekte achtmal mehr Einnahmen für die lokale Wirtschaft als transnationale Unternehmungen.

Für Egli, Mettler und Trede steht der finanzielle Ertrag nicht im Fokus. Für die Stadt Bern mit über 1000 Quadratmetern Sunraising-Dächern kann gerade mal eine Teilzeitstelle unterhalten werden. «Es ist ein ehrenamtliches Gemeinschaftsprojekt», erklärt Mettler. Eine Expansion in andere Städte streben sie nicht aktiv an. Denn so eine «Bottom-Up» Bewegung müsse von den dort lebenden Menschen ausgehen, sonst funktioniere es nicht.

Dezentralisierte Zukunft

Projekte wie Sunraising entsprechen nicht nur dem Bedürfnis vieler, sich aktiv einzubringen. Sie treffen auch den Nerv der Zeit. «Der Weg in die Zukunft ist eine Kombination aus bestehender Infrastruktur und neuen, dezentralen Strukturen», erläutert Mettler. Grössere Stromprojekte gehören immer mehr ins Reich der Vergangenheit. Zwar gibt es immer noch Ideen, die Sahara mit Solarpanels zuzupflastern oder die Nordsee mit Windrädern zu bestücken. Doch politische, juristische und gesellschaftliche Gründe sprechen dagegen.

Nur schon der Bau einer Hochspannungsleitung steht heute vor grossen Hürden. Einsprachen von Naturschutz oder Anwohnerinnen sind die Norm. Gleichzeitig ermöglichen intelligente Netze und Verbrauchseinheiten sowie die dezentralisierte Produktion und Speicherung eine effizientere und weniger anfällige Versorgung, die von Grossprojekten wegführt. Dies könnte auch ein Schritt zur weiteren Demokratisierung des Strommarkts sein. Nur so können sich Menschen als aktive Gestaltende und nicht passiv Konsumierende verstehen.

Das bestätigt auch Mettler: «Mir ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft Verantwortung für zukünftige Herausforderungen übernehmen.» Sunraising stelle dabei eine einfache Möglichkeit zur Verfügung, sich aktiv zu beteiligen. Denn nicht nur unser Strom braucht ein gutes und nachhaltiges Netzwerk, sondern auch die vielen Menschen und Ideen, die der Energiewende auf die Sprünge helfen.

Dieser Artikel wurde im Magazin Zeitpunkt (156/18) veröffentlicht. Eine etwas kürzere, angepasste Version erschien auch in der WOZ (18/27).