«Elon Musk ignoriert das grösste Problem komplett»

Tesla-Chef Elon Musk möchte in sechs Jahren auf den Mars. Das seien Buebeträumli, sagt die Berner Astrophysikerin Kathrin Altwegg.

Was halten Sie von den Plänen Elon Musks, auf den Mars zu fliegen?
Kathrin Altwegg: Nicht viel. Ehrlich gesagt sind das für mich Buebeträumli.

Warum?
Abgesehen von allen technischen und finanziellen Hürden: Musk ignoriert das grösste Problem anscheinend komplett.

Und das wäre?
Die kosmische Strahlung im Weltall. Sie wirkt ähnlich wie Radioaktivität und zerstört unsere DNA. Die europäische Mission Exomars hat die Strahlung gemessen. Resultat: Ein Weg zum Mars entspricht 60 Prozent der für Menschen tödlichen Dosis. Bis heute hat niemand eine Lösung für dieses Problem gefunden.

Es gibt aber Ideen. Etwa ein Magnetfeld um die Raumsonde.
Das würde vielleicht die Strahlung ablenken. Aber ein Magnetfeld rund um eine Raumsonde benötigt unglaublich viel Energie, und Energie bedeutet mehr Gewicht. Das ist derzeit technisch nicht zu bewältigen.

Wie wird denn das Problem auf der Raumstation ISS gelöst?
Die Astronauten dort sind durch unsere Atmosphäre und das irdische Magnetfeld geschützt.
 

«Wir könnten nie so herumspazieren wie auf der Erde, sondern nur im Raumanzug. Sonst würden unsere Zellen platzen.

Kathrin Altwegg, Astrophysikerin


Flunkert Musk, wenn er sagt, dass er es zum Mars schaffen wird?
Ich sage nicht, es sei unmöglich, den Mars zu kolonisieren. Aber sicher nicht in 6 Jahren, nicht in 20. Vielleicht in 200.

Sie bezweifeln auch, dass Musk das nötige Geld dafür hat.
Derzeit ist eine solche Reise nicht finanzierbar. Die Mondlandung mit Apollo war nur möglich, weil ein Stellvertreterkrieg im Weltall geführt wurde. Die USA haben damals fünf Prozent ihres Budgets investiert. Eine heutige Marsexpedition mit einem Rover, der lediglich ein paar Steine zusammensammelt und auf einen Haufen legt, kostet laut Nasa zwei bis vier Milliarden Franken. Und jetzt rechnen Sie sich aus, was es kosten würde, Menschen hoch- und wieder zurückzubringen.

Es müssen ja nicht zwingend Staaten investieren. Zum ersten Mal steigen Privatpersonen ins «Space Race» ein und wollen die bemannte Raumfahrt fördern.
Das ist so, weil es zum ersten Mal überhaupt Tech-Milliardäre gibt. Sie wollen sich auch in diesen Bereichen verewigen.

Also verkappte Egomanie?
Sie wollen unsterblich werden. Quasi ein neuer Kolumbus sein. Menschen wollten schon immer erobern, neue Länder entdecken und Grenzen überwinden. Das ist eine zutiefst menschliche – und wahrscheinlich männliche – Eigenschaft. Wir Frauen sind biologisch ein bisschen anders. Vielleicht sind wir eher die Bewahrenden. Wir haben Kinder und wollen sie in einer guten Umgebung auf die Welt bringen. Und nicht auf dem Mars.

Sehen Sie dann keinen Nutzen darin, auf den Mars zu gehen?
Nein. Was sollen wir dort? Wir können nie so herumspazieren wie auf der Erde, sondern nur im Raumanzug. Sonst würden unsere Zellen platzen. Um uns vor der Strahlung zu schützen, müssten wir unter dem Boden wohnen. Ja, wir können ein grosses Loch buddeln und alle zusammen reinsitzen. Aber das kann man auch auf der Erde.

Marsfans sehen den Planeten als Ausweg, falls die Erde in Zukunft mal nicht mehr bewohnbar ist.
Also macht man hier eine Sauordnung, lässt alles liegen und geht dann woandershin? Dummes Geschwätz! Besser wäre es, zur Erde Sorge zu tragen.

Vielleicht inspiriert der Kampf gegen den Klimawandel die Menschen einfach weniger.
Da wäre ich mir nicht so sicher. Es gibt Leute, die sich mit grosser Begeisterung gegen den Klimawandel einsetzen. Aber die Wahrnehmung ist anders. Hier hat es die strengen Grünen, die einem alles verbieten wollen. Und dort sind die mit den kühnen Träumen.

Viele Leute würden gern auf dem Mars leben.
Das stimmt. Die Nasa hat eine Umfrage bei ihren Astronauten gemacht: Wer würde auf den Mars fliegen, wenn die Wahrscheinlichkeit zwei Drittel beträgt, dass man wieder zurückkommt? Hundert Prozent sagten Ja. Wenn der Marsflug ein Einwegticket bedeutet, war es immer noch die Hälfte. Leute wollen lieber in Gloria zugrunde gehen, als hier ein gewöhnliches Erdenbürgerleben zu leben.

Und Sie?
Ich bin nicht so der Selbstmordtyp.
 

«Es gibt nichts, was man mit bemannten Mondausflügen entdecken könnte, das man nicht auch unbemannt schaffen würde.»

Kathrin Altwegg, Astrophysikerin


Auch Staaten wie China engagieren sich vermehrt in der Raumfahrt. Wie deuten Sie das?
Solche Expeditionen dienen als blosse Statussymbole. 

Inwiefern?
Politiker wollen das. Die Wissenschaft steckt nicht dahinter. Es gibt nichts, was man mit bemannten Mondausflügen entdecken könnte, das man nicht auch unbemannt schaffen würde. Im Gegenteil: Bei wissenschaftlichen Experimenten ist der Mensch eher ein Störfaktor. Auf der ISS wollte man zum Beispiel zu Beginn perfekte Materialien züchten. Kristalle ohne Fehlstellen. Aber die Astronauten haben zu sehr gestört – wenn sie sich bewegten, schüttelte die Raumstation ein wenig. So gab es nur imperfekte Kristalle. Roboter sind für das Weltall die bessere Wahl.

Wieso werden jetzt Statussymbole wieder wichtiger? 
Die Länder werden nationalistischer. Man will Fremde von den Grenzen fernhalten, es gilt das Motto: jeder für sich. Mit China hat man zudem einen Player, der sehr viel investieren kann. Es würde mich nicht wundern, wenn die Chinesen zuerst wieder bemannt auf dem Mond wären.

Sehen Sie denn gar keine Berechtigung für die bemannte Raumfahrt?
Doch. Sie kann friedensstiftend sein, wenn Länder zusammenarbeiten. Und sie inspiriert.

Ist davon im Alltag etwas zu spüren?
Menschen arbeiten anders mit dieser Inspiration. Von der Universität Bern aus haben wir mit der Industrie zusammengearbeitet, um Forschungsinstrumente zu bauen. Der Chef einer Sensorenfirma hat mir vorgeschwärmt, wie unglaublich motiviert seine Mitarbeiter seien, weil sie wissen, dass ihr Werk zu einem Kometen fliegen wird. Aber für diese Inspiration braucht es keine Leute im Weltall.

Sind unbemannte Raumsonden wirklich so inspirierend wie Astronauten auf dem Mars?
Für mich schon. Es ist wunderbar, was man heute machen kann. Zuerst schickte man Raumsonden in die Erdumlaufbahn oder bis zum Mond. Mittlerweile geht es zum Mars, zur Venus, zum Merkur. Früher hätte man nie gedacht, dass man so nah an die Sonne kommen oder einen Kometen zwei Jahre lang begleiten kann. Und bald können wir die eisigen Jupitermonde entdecken, wo es unter den dicken Eispanzern möglicherweise Wasser hat.

Was inspiriert Sie persönlich?
Die grossen Fragen. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und sind wir allein?

Was würden Sie Elon Musk gern ins Gesicht sagen?
Dass es nett ist, dass er auf den Mars will. Er soll gehen, wenn er möchte. Aber meiner Meinung nach ist es unethisch, andere Leute ins Verderben zu schicken.

Kathrin Altwegg, 67, ist Physikerin und Weltraumforscherin. Sie war lange Direktorin des Center for Space and Habitability der Universität Bern.

Dieses Interview entstand gemeinsam mit Jessica King und wurde im Beobachter (02/19) veröffentlicht.