Den Schatz der Heimat bewahren

Im abgelegenen Bündner Calancatal leben nur wenige Menschen. Sie lieben ihren unberührten Flecken Erde. Mit dem kleinsten Naturpark der Schweiz, der jetzt hier entsteht, wollen sie ihr Idyll erhalten, es aber auch beleben und den Tourismus fördern.

von Florian Wüstholz (erschienen in Schweizer Familie 38/2021)

Hinter den steilen Hängen des Piz de Ganan bricht die Sonne hervor. Sie kämpft noch mit einer letzten Wolke, bevor sie die drei bunt bemalten Kapellen von Rossa in spätsommerliches Licht taucht. Eine Eidechse blitzt zwischen den historischen Trockenmauern hervor, Ameisen bilden Strassen über den Wanderweg. Der Geruch von trockenem Gras und verbranntem Holz liegt in der Luft. Feiner Dunst hängt über dem Calancatal, der Herbst klopft schon an.

In diesem südwestlichsten Zipfel von Graubünden entsteht der Parco Val Calanca. In einem Seitental des Misox gelegen, ist es der kleinste Naturpark der Schweiz – gerade einmal 120 Quadratkilometer gross. Von der sprudelnden Calancasca auf 500 Metern über Meer reicht er bis zum verschneiten Dreitausender Puntone dei Fraciòn. Dazwischen liegen Wälder, steile Felshänge, historische Steinsiedlungen, Maiensässe, Geissenalpen und artenreiche Wiesen.

«In diesem Tal gibt es eine gute Energie», schwärmt Henrik Bang. Der 49-jährige Geschäftsführer des Parks zeigt über die Wälder. «Wer hierherkommt, verliert ein Stück seines Herzens.» Gerade einmal 432 Menschen wohnen im Perimeter des Parks. Es sind Bäuerinnen, Älpler und Künstlerinnen. Steinmetze, Jägerinnen und Förster. Manche sind seit Generationen hier verwurzelt, andere irgendwann eingewandert und nie mehr weggegangen.

Schönes soll gedeihen

«Für das Calancatal ist der Park eine Chance», sagt Bang. Seit Jahrhunderten kämpft es mit Abwanderung, Wirtschaftsschwäche und Naturgefahren. 1733 lebten dreimal so viele Menschen hier wie heute. Bang nimmt einen Schluck aus dem glucksenden Brunnen zwischen den Trockenmauern oberhalb von Rossa. «Mit dem Park wollen wir helfen, den naturnahen Charakter zu erhalten», erklärt er die Ziele des Parco Val Calanca. «Aber es sollen auch neue Familien in die Dörfer ziehen und neue Arbeitsplätze entstehen.» Viel brauche es nicht, damit etwas Schönes gedeihe.

Bang, den hier alle Bingo nennen, ist mit jeder Faser Optimist. Durch den Park will er den Namen Calanca in die Welt hinaustragen und den Menschen zeigen, wie schön der Ort ist. «Aber mir ist wichtig, dass das Tal sein Herz behält und sich treu bleibt.»

Ein paar Kilometer weiter im Süden schwebt eine kleine rote Seilbahn langsam und lautlos von Arvigo über den Fichtenwäldern in die Höhe. Sie ist die einzige ganzjährige Verbindung des Dorfes Braggio mit dem Rest der Welt. Auf Knopfdruck transportiert sie Menschen, Grosseinkäufe oder auch mal eine Kuh. Und natürlich die Gäste, die in einem der Ferienhäuser der Familie Berta übernachten, um ein paar Tage zu wandern und abzuschalten.

Die Leidenschaft blitzt auf

Die 69-jährige Agnese Berta zeigt stolz ihren fein säuberlich organisierten Schaugarten: Kartoffeln, Federkohl und Bohnen; Sonnenhüte, Malven und Rosen. Fast alles ist trotz des verregneten Sommers gut gewachsen. «Nur die Tomaten kommen leider nicht vom Fleck», sagt sie resigniert. Gemeinsam mit ihrer 35-jährigen Tochter Aurelia führt sie in Braggio den Agriturismo Raìsc. Fünf Kühe, Rinder und zwanzig Schafe leben auf dem Biohof, einer von fünf landwirtschaftlichen Betrieben im Dorf. Daneben vermietet die Familie vier Ferienhäuser für Familien, Wandergruppen oder Paare. «Unser Ziel war es immer, etwas zu erschaffen, mit dem wir als Familie vor Ort arbeiten, Geld verdienen und leben können», erklärt Agnese Berta. In einem abgelegenen Tal ist das nicht einfach. «Die letzten zwei Sommer liefen touristisch sehr gut. Und wir sind zuversichtlich für die Zukunft.»

Für den Hof ist die energiegeladene Aurelia Berta zuständig. In ihren Augen blitzt die Leidenschaft. Erzählt sie von ihrer Arbeit, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Und sie beschönigt nichts. «Es war für mich ein schwieriger und strenger Sommer», sagt sie. Personalmangel und die Arbeit in den steilen Wiesen setzten ihr zu. «Es war so befriedigend, als ich endlich mit dem ersten Schnitt fertig war.» Zum Glück litten die Magerwiesen nicht unter dem Hagel.

Die gemähten Wiesen sind unentbehrlich für die alpine Schönheit des Calancatals. Mit Trockenmauern versuchte man mindestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts, den steilen Flanken ein bisschen Platz abzutrotzen. Denn der Wald drückt von allen Seiten – er will sich die Wiesen zurückerobern. «Ohne uns Bauern wäre das ganze Tal ein einziger Wald», erklärt Aurelia Berta. Ihre Hände sind gezeichnet von harter Arbeit. «Aber wenn wir die Wiesen nicht mehr mähen, gibt es auch schnell keine Schmetterlinge und schönen Orchideen mehr.»

So erstaunt der Wunsch der Bertas für die Zukunft wenig: Familien sollen im Calancatal weiterhin Landwirtschaft betreiben. «Das Tal ist ein wunderbarer Ort für Familien», sagt Agnese, als ihre Enkelinnen Mia und Alina in den Garten kommen. «Ich wünsche mir sehr, dass das Leben in diesem Tal bleibt.» Kaum gesagt, düsen zwei Buben in ihrer Seifenkiste vorbei – die einzigen Autos, die in Braggio erlaubt sind.

«Hörst du die Vögel zwitschern?», fragt Mario Theus. «Und das Rauschen des Bachs auf der anderen Talseite?» Theus ist 42 Jahre alt und liebt die Ruhe von Braggio – einem Dorf mitten in der Natur. Jetzt, während der Jagdzeit, ist er dort, wo er am liebsten ist: in den Wäldern bei den Hirschen. «Aber mit dem Gewehr, so wie wir uns einen Jäger vorstellen, sieht man mich nur ein paar Wochen im Jahr.» Den Rest der Zeit ist er mit der Kamera unterwegs, fängt die Schönheit der Natur ein, beobachtet und filmt die vorbeihuschenden Wildtiere. Im Sommer kam sein erster Kinofilm «Wild» an die Festivals – ein intimer Einblick in die Jagd und ihre Menschen.

Auf den Spuren der Wildnis

Theus ist keiner, der die Massen sucht. Wenn er in der Dämmerung mit der Kamera loszieht und bei Sonnenaufgang den ersten Steinbock fotografiert, ist er glücklich. «Im Calancatal gibt es eine Art Wildnis, von der ich gar nicht wusste, dass sie in der Schweiz existiert», schwärmt er. «Es gibt hier Orte, wo man praktisch keine menschlichen Spuren mehr sieht, nur Landschaften und endlose Wälder.» Aufgewachsen im Val Müstair, wurde ihm die Faszination für Natur und Wildtiere in die Wiege gelegt. Als Bub stand er morgens um fünf auf, um wandern zu gehen. Und mit 27 verfolgte er den Problembären JJ3 auf Schritt und Tritt mit einem Peilsender.

Vor acht Jahren dann zog es ihn nach Braggio. Hier habe er den Fünfer und das Weggli. «Ich kann den ganzen Tag in der unberührten Natur unterwegs sein und abends wieder in der Zivilisation.» Theus versteht den Wunsch der Bevölkerung nach sanftem Tourismus und mehr Arbeit im Tal. Doch könnte er auch damit leben, wenn es hier irgendwann keine Menschen mehr gäbe. Darum geniesst er auch, dass der Mensch im Calancatal nicht der Hauptdarsteller ist. Wo vor hundert Jahren noch Kulturlandschaft war, ist die Wildnis zurück. Ein bisschen Naturromantik dürfe schon sein, sagt Theus. Plötzlich wird er von einem dumpfen Knall unterbrochen. Immer wieder hört man es in Braggio donnern. Doch schuld sind nicht die Jäger, sondern der Steinbruch von Arvigo im Talboden. Die Sonne brennt auf die glatten Flächen aus Gneis. Staub liegt in der Luft und zentimeterdick auf dem Boden. An Regentagen verwandelt sich dieser innert Sekunden in Schlamm. «Staub oder Schlamm, ein Dazwischen gibt es nicht», witzelt Giovanni Polti, als er nach einer holprigen Fahrt mitten in der Abbaustelle aus seinem Pick-up steigt.

Bereits vor 101 Jahren holte Poltis Grossvater die ersten Gneisplatten aus der Wand. Noch heute liegen sie auf dem Dach der alten Sägerei im Dorf. Mittlerweile sind schwere Maschinen am Werk. Der Lärm ist ohrenbetäubend. «Wir bauen hier etwa 20 000 Kubikmeter Gneis im Jahr ab», erklärt Polti. Mit seinen 35 Angestellten ist er der grösste Arbeitgeber im Tal.

Das Kleine, Feine bewahren

«Ich bin dem Tal dankbar», sagt Polti, «dass ich hier Stein abbauen und damit eine Familientradition weiterleben kann.» Im Gegenzug unterstützt er Projekte im Tal. «Wir helfen allen, die fragen.» Vor kurzem renovierte er ein altes Haus in Arvigo. Jetzt ist im Haus ein einfaches Bed and Breakfast, eine willkommene Übernachtungsgelegenheit für Touristinnen und Touristen. Der Tourismus, der mit dem Park kommen soll, ist eine Chance, aber auch eine Gefahr. «Wenn ich mich umschaue, sehe ich etwas, das wir schützen müssen», warnt Polti. Es brauche kleine und feine Projekte, keinen Massentourismus, keine Spots für Selfies. «Die Leute kommen hierher, um Natur pur zu erleben. Das dürfen wir nicht verlieren.»

Ist sein Steinbruch nicht auch ein Eingriff in diese Natur? «Das ist unsere Kultur und unsere Tradition», verteidigt sich Polti. «Ohne Industrie und Handwerk würde es im Tal bald nichts mehr geben.» Natürlich sei der Steinbruch eine Wunde – darum will er ihn so umweltverträglich wie möglich gestalten. Dass seine Abbaustelle jüngst für seine naturnahe Gestaltung zertifiziert wurde, erfüllt Polti mit Stolz.

«Mein grösster Wunsch ist, dass in diesem Steinbruch noch lange weitergearbeitet werden kann», sagt er und blickt zu den Felsen. Es habe hier bloss noch Stein für fünfzehn bis zwanzig Jahre. Danach müsse weitergeschaut werden, neue Bewilligungen seien schwierig zu erhalten. «Aber wenn solche Orte zum Museum werden, ist das das Ende des Lebens im Tal.»

Stein ist im Calancatal allgegenwärtig. Aus ihm sind die vielen Trockenmauern gebaut, Dächer sind mit ihm gedeckt. Und er zeigt sich als mächtige Felswand im Dörflein Bodio. Hier, direkt am Ufer der Calancasca, ist seit über sechzig Jahren die Pfadfinderinnenstiftung Calancatal zu Hause. Im Garten sitzen Marta Ostertag und Matthias Leuenberger, trinken selbst gemachten Holunderblütensirup, eine Katze streicht um ihre Beine.

Die Verbindungen pflegen

«Ich habe diese Felswand zu schätzen gelernt», erzählt Marta Ostertag, 47. «Jeden Tag ist sie ein bisschen anders.» Ostertag kommt ursprünglich aus Tiefencastel, einem Dorf mit fast so steilen Wänden. Nun leitet sie seit diesem Jahr mit Matthias Leuenberger, 45, das Stiftungszentrum in Bodio: Gruppenhäuser, ein grosser Lagerplatz, Kursangebote, Freiraum, Gelegenheit zur Begegnung und Bildung – ermöglicht dank viel Freiwilligenarbeit.

Die Ursprünge der Stiftung liegen in einem Arbeitseinsatz der Pfadfinderinnen nach einem verheerenden Unwetter, das 1951 grosse Verwüstungen im Tal anrichtete. «Diese Erfahrung war ausschlaggebend, als der damalige Bund Schweizerischer Pfadfinderinnen nach einem Ausbildungszentrum suchte», erzählt Leuenberger. Schon bald wurden in Bodio die ersten Leiterinnen ausgebildet. «Die Idee des Zentrums war dabei immer auch, eine Verbindung zwischen den Pfadfinderinnen und der lokalen Bevölkerung zu schaffen und zu pflegen», erklärt Ostertag. «Da gab es sicherlich auch einen Verschwesterungseffekt.» Im Calancatal schmissen Frauen schon seit Jahrzehnten den Laden. Sie bestellten die Felder, mähten das Gras und erzogen die Kinder, während die Männer anderswo als Tagelöhner schufteten.

Noch heute gibt es im Zentrum Anlässe für die lokale Bevölkerung: Spiele und Sport für Kinder und Jugendliche, gemeinsames Singen, Erzählnächte und Frauenabende. Und wer im Zentrum ein Lager veranstaltet, kann im Tal mithelfen – Neophyten bekämpfen, Holz hacken oder Trockensteinmauern bauen. «Unser Konzept von Bildung ist, dass wir alle etwas wissen», sagt Ostertag. «Und gemeinsam wissen wir viel. Darum ist uns der Austausch so wichtig. Er stärkt uns.»

Innig mit dem Tal verbunden

Für die Pfadfinderinnen war das Calancatal auch ein Ort der Selbstfindung. «Hier konnten sich Frauen gegenseitig ermächtigen, sie lernten, sich zu organisieren, packten gemeinsam an und übernahmen Verantwortung», sagt Matthias Leuenberger. Es sei kein Zufall, dass die Stiftung so innig mit dem Tal verbunden ist. «Dieser Ort bietet sich an, um sich mit sich selbst zu beschäftigen.»

Das soll sich auch mit dem Parco Val Calanca nicht radikal verändern. Wer hier etwas erleben will, muss sich selber auf die Suche machen, durch die Wälder streichen, vorbei an gurgelnden Bächen und riesigen Ameisenhaufen. Auch den herzförmigen Lagh de Calvaresc, das Aushängeschild des Parks, müssen sich Besucherinnen und Besucher in drei steilen Stunden erwandern. Um dann die Ruhe und den Untergang der Sonne hinter dem Torent Alto zu geniessen.