Die Überforderung überwinden

Wie können wir klimafreundlicher leben? Das fragen sich die TeilnehmerInnen von regelmässigen Gesprächsrunden in der Romandie. Nun soll das Konzept der «Klimagespräche» auch in der Deutschschweiz umgesetzt werden. 

An einem Donnerstagmorgen Mitte Dezember schläft die Fribourger Altstadt noch unter einer dicken Nebeldecke. Doch im Centre Sainte-Ursule am Rand der Place Georges Python ist es wohlig warm. Hier sitzen Jacques Mader, Dunja Keller und Stéphane Cuennet mit fünf weiteren TeilnehmerInnen zusammen, essen Kuchen und lassen die letzte Sitzung ihrer «conversations carbone» ausklingen.

«Die Klimakatastrophe ist so riesig und komplex», sagt Jacques Mader, der früher im Gesundheitsbereich arbeitete und heute als Pensionierter regelmässig an den Klimastreiks teilnimmt. «Ich brauchte für mich selbst einen Hebel. Dank der Klimagespräche lernte ich eine Methode kennen, um selbst konkrete Veränderungen anzugehen.»

Sechs Mal traf sich die Fribourger Gruppe in den vergangenen Monaten zu solchen Gesprächen. Dabei diskutierten und lernten sie, wie sich das eigene Leben trotz innerer und äusserer Widerstände klimafreundlicher gestalten lässt. Denn alle wissen zwar, dass eine Änderung nötig ist, doch die praktische Umsetzung ist nicht immer einfach.

«In dieser Gruppe hatte ich in einem urteilsfreien Raum die Möglichkeit, zu reflektieren, wie ich mich für das Klima einsetzen kann», sagt auch Dunja Keller. Die Mutter zweier Töchter arbeitet in einer Filmproduktionsfirma und war – wie alle anderen Teilnehmenden – bereits vorher für die Dramatik der Klimaerwärmung sensibilisiert. Hier habe sie nun Gelegenheit, das eigene Verhalten systematisch anzuschauen. Eine lehrreiche Sache.

Sich nicht bloss Sorgen machen

Die Methode der «carbon conversations» entwickelten die Psychotherapeutin Rosemary Randall und der Ingenieur Andy Brown vor über zehn Jahren. Nachdem das Konzept in deren Heimat Grossbritannien sowie in Frankreich und den Niederlanden Fuss gefasst hatte, organisierte der Verein Artisans de la transition im vergangenen Jahr erstmals auch in der Romandie eigene Klimagespräche – und stiess dabei auf grosses Interesse. In Gruppen von acht Personen werden in jeweils sechs Sitzungen die praktischen Aspekte eines klimafreundlichen Lebens in den Fokus genommen.

Das ist mehr als blosse Wissensvermittlung, weil auch die komplexen sozialen und emotionalen Bereiche ihren Platz haben. Denn allgemeine Appelle wie «Weniger Auto fahren», «Kein Fleisch mehr essen» oder «Ölheizungen verbieten» setzen für die täglichen Entscheidungen oft am falschen Ort an. Wer beruflich aufs Auto angewiesen ist oder in einer alten Mietwohnung lebt, kann wenig damit anfangen.

Komplexe Entscheidungen

«In den Sitzungen spielten wir Interessenabwägungen und emotionale Reaktionen durch», erzählt Dunja Keller. Sie wogen zum Beispiel gemeinsam ab, welche Massnahmen sie beim Wohnen ergreifen könnten. Während manche gut mit einer tiefen Temperatur leben können, fiel es anderen leichter, aufs heisse Vollbad oder den grossen Kühlschrank zu verzichten. «So konnten wir die verschiedenen Faktoren und möglichen Kompromisse ansehen und veranschaulichen», sagt Keller. Stellt sie nun ihr Leben radikal um? «Nein», antwortet sie. Vielmehr entdecke sie vielerorts Möglichkeiten, mit kleinen Veränderungen einen positiven Einfluss zu haben – sei es beim Essen oder bei der Mobilität.

«Viele der Übungen bilden die Komplexität der Entscheidungen ab», erklärt Stéphane Cuennet, der vier fürs Klima engagierte Söhne hat. Immerhin sind gerade in Familien auch andere vom eigenen Handeln betroffen. «Wir erhielten nicht nur einen Überblick über die konkret möglichen Massnahmen. Wir konnten darüber hinaus auch sehen, dass es viele äussere Einflüsse gibt, denen wir ausgeliefert sind.» Zum Beispiel der örtliche Strommix, das lokale Essensangebot oder die Anbindung an den öffentlichen Verkehr. In den Klimagesprächen wurde Cuennet bewusst, wie gross bei ihm das Einsparungspotenzial beim Wohnen ist. Nun will er die nötigen Massnahmen ergreifen.

Gerade im Austausch mit anderen treten die individuellen Möglichkeiten und Schwierigkeiten deutlicher hervor. Das hilft auch, andere zu einem klimafreundlicheren Leben zu motivieren. «Ich kann überzeugender auftreten, wenn ich mein eigenes Leben in Ordnung halte und verstehe, wo ich und andere Mühe haben», meint Jacques Mader. Und Stéphane Cuennet ergänzt: «Es braucht Menschen in der Schweiz, die zeigen, dass ein nachhaltiges Leben ohne Einbusse bei der Lebensqualität möglich ist.»

Ab diesem Jahr finden auch in der Deutschschweiz die ersten Klimagespräche statt, organisiert von den NGOs Fastenopfer und Brot für alle. «Politisch ändert sich nichts, wenn sich in den Köpfen nichts ändert», sagt Pascale Schnyder von Brot für alle, die für die Koordination verantwortlich ist. Man müsse also auch die individuelle Veränderung fördern. Seit zwei Jahren arbeitet man im Austausch mit den Artisans de la transition auf den Start hin. Materialien mussten übersetzt und angepasst, Geld eingeworben werden. Denn Teilnehmende zahlen bloss einen Unkostenbeitrag von 60 Franken pro Kurs. Insgesamt belaufen sich die Projektkosten in der Deutschschweiz auf 200 000 Franken. Die Hälfte davon übernehmen das Bundesamt für Umwelt sowie die Kantone und Städte, in denen die Gespräche stattfinden. Die andere Hälfte steuern die beiden Organisationen bei.

Weil die Gesprächsgruppen auf zehn TeilnehmerInnen begrenzt sind, erreichen die Klimagespräche jedoch nur wenige Menschen. Sind das viele Geld und die Zeit richtig eingesetzt? «Grosse Kampagnen erreichen zwar mehr Menschen», gibt Schnyder zu. «Doch sie ändern deren Verhalten oft nicht. Zudem sind die Teilnehmenden in den Klimagesprächen ja keine isolierten Personen. Sie haben Familien, Kinder, Freunde. Das Wissen schwappt sofort über und führt dazu, dass auch andere über ihr eigenes Verhalten nachdenken.»

Diesen Effekt bestätigen Mader, Keller und Cuennet. Ihre Teilnahme sei ein wunderbarer Konversationseinstieg und stosse im Umfeld auf grosses Interesse. Sie alle glauben, dass der Schneeballeffekt einsetzen wird und sich das Wissen verbreitet. «Ich bin auch motiviert, mich als Vermittler für weitere Klimagespräche zu engagieren», sagt Mader. «Denn ich habe gesehen, was ich bei mir selbst konkret ändern kann.»

Dieser Artikel wurde in der WOZ 03/20 veröffentlicht. Das Bild stammt von Markus Spiske.