Der digitale Graben

Digitale Ausgrenzung findet an ganz unterschiedlichen Orten der Gesellschaft statt. Ein Streifzug durch die digitalen Gräben in der Schweiz.

von Florian Wüstholz (erschienen in Surprise 548/2023)

Irgendwann im Jahr 2035 wird in der Schweiz der letzte Ticketautomat abmontiert werden. Das gab der ÖV-Tarifbranchenverband Alliance Swisspass Ende letzten Jahres bekannt. Wenn die Schrauben gelöst und der Kasten im Museum verstaut ist, gibt es Tickets für Zug, Tram und Bus nur noch digital. Wer dann kein mehr oder weniger aktuelles Smartphone besitzt, geht wohl leer aus. Kaum etwas veranschaulicht die digitale Transformation unseres Alltags so deutlich wie das schleichende Verschwinden der verlässlichen Ticketautomaten.

«Viele können sich vorstellen, dass manche Menschen Mühe haben, wenn es keine Ticketautomaten mehr gibt», sagt Isabelle Lüthi von Caritas Zürich. «Viel schwieriger vorstellbar ist es, dass jemand in der reichen Schweiz gar keinen Laptop oder keinen Zugang zum Internet hat.» Lüthi befasst sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft – insbesondere für jene, die bereits heute am Rand leben.

Bereits die Kosten für einen Laptop oder ein Internetabo sind für viele eine zu hohe Hürde, um an der digitalen Gesellschaft teilhaben zu können (siehe «Zurück in die digitale Welt», S. 15). «Gemäss Statistiken des Bundesamts für Statistik belaufen sich die durchschnittlichen IT-Ausgaben in der Schweiz auf 250 Franken pro Monat», sagt Lüthi. Dazu gehören unter anderem Geräte, allfällige Reparaturen, Software und Apps sowie der Internetzugang. «Für jemanden mit einem knappen Budget ist das sehr viel Geld.»

Ein Problem, mit dem über 700 000 Armutsbetroffene und weitere rund 600 000 an der Armutsgrenze lebende Menschen in der Schweiz täglich konfrontiert sind. «Die Menschen in unseren Beratungen treibt der fehlende Zugang zur Digitalisierung sehr um», sagt Lüthi. Sie können sich ohne Laptop schlechter auf subventionierte Wohnungen bewerben oder haben Mühe, ihre Rechnungen online zu bezahlen. Es drohen Mahnungen oder höhere Mieten. Manche trauen sich, in Digitalcafés oder Beratungssitzungen Unterstützung zu suchen, andere versuchen sich sonst irgendwie durchzuschlagen – nicht immer erfolgreich. Wieder andere resignieren.

«Um heute an der digitalen Welt teilzuhaben, braucht es im Wesentlichen zwei Dinge», sagt Christine Mühlebach, die beim Verein Sozialinfo das Kompetenzzentrum Digitalisierung und Soziale Arbeit leitet, «den Zugang zur nötigen Infrastruktur und digitale Kompetenzen.» Mit anderen Worten: Wer kein Smartphone hat, kann natürlich auch kein Onlineticket fürs Tram lösen. Wer zuhause keinen Internetanschluss hat, kann die Hausaufgaben nicht auf der digitalen Lernplattform erledigen. Und wer nicht weiss, wie man online eine Überweisung tätigen kann, muss den Weg zu den immer seltener werdenden Bankschaltern auf sich nehmen. Ob jemand über digitale Kompetenzen oder entsprechende Geräte verfüge, sei dabei viel stärker vom Einkommen oder vom Bildungshintergrund als vom Alter abhängig, so Mühlebach. Der Blick durch die Generationenbrille ist zu eng. Der digitale Graben zieht sich eher kreuz und quer durch die Gesellschaft. Bildung, Einkommen, Alter, Kompetenzen, Sprache: alles spielt eine Rolle. Ein reicher Schweizer Rentner mag ebenso betroffen sein wie eine afghanische Gymnasiastin aus einer sechsköpfigen Familie an der Armutsgrenze. Und der digitale Graben ist keine Randerscheinung. Gemäss Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) haben rund ein Viertel der Bevölkerung keine oder nur geringe digitale Kompetenzen.

Aus der Logik der Privatwirtschaft gedacht

Diese zwei Millionen Menschen haben Mühe, übers Internet Kontakte herzustellen oder sich mit anderen digital auszutauschen. Sie können nur schwer Informationen in digitaler Form suchen und verarbeiten. Sie können geeignete nicht von ungeeigneten digitalen Instrumenten unterscheiden. Und sie können viele Programme und Geräte nur rudimentär oder gar nicht bedienen. All das, was in einer digitalen Gesellschaft lebensnotwendig ist.

Es sind auch zwei Millionen Menschen, die mit der «Strategie Digitale Schweiz 2023» des Bundes abgehängt zu werden drohen. Die Leitlinien der Bundesverwaltung fordern, dass künftig konsequent auf «digital first» gesetzt wird: Digitale Angebote werden, wo immer möglich, priorisiert. Der Bund will damit, dass «die gesamte Bevölkerung der Schweiz» von einer «nachhaltigen und verantwortungsvollen digitalen Transformation profitieren» soll.

Die gesamte Bevölkerung? Keineswegs.

«Diese Strategie akzentuiert die Problematik für die bereits heute digital Abgehängten», kritisiert Christine Mühlebach und nennt ein Beispiel: In vielen Gemeinden, Städten und Kantonen gibt es mittlerweile Onlineschalter. Damit lassen sich praktisch von Zuhause aus Betreibungsregisterauszüge, Familienbüchlein oder Wohnsitzbestätigungen bestellen. «Oft sind diese Angebote umsonst, weil sie in der Logik der Verwaltung günstig sind», sagt Mühlebach. «Sie benötigen wenig Personal und lassen sich mehr oder weniger automatisiert abhandeln.» Anders sieht es aus, wenn man persönlich vorbeigeht. «Dann kostet es mitunter extra.»

Oder: Wer bei der Post ein Paket ins Ausland verschicken will, braucht ein Verzollungsformular. Wer es zu Hause am Laptop ausfüllt, ist fein raus. Wer am Schalter Unterstützung braucht, bezahlt fünf Franken.

Diese Diskriminierung geht oft vergessen. Mühlebach hebt hervor, dass in Digitalisierungsprojekten primär aus der Logik der Privatwirtschaft gedacht werde. Im Vordergrund stünden Aspekte wie Effizienz und Wirtschaftlichkeit. «Das Ziel sollte aber eigentlich sein, dass das Potenzial der Digitalisierung für Inklusion und Integration genutzt werden kann.»

Der Papierauszug kostet extra

So präsentieren sich viele Aspekte der Digitalisierung auf den ersten Blick positiv. Ein Onlineschalter ersetzt das mühsame Anstehen und kann auch nach Feierabend noch angesteuert werden. Ideal für Menschen mit unregelmässigen Arbeitszeiten oder jene, die Care-Arbeit verrichten. Papierlose Rechnungen verringern die Produktion von Altpapier und können mit einem Klick bezahlt werden. Und beim Einkaufen im Internet hat man das gesamte Sortiment zur Auswahl – sogar, wenn man blind ist.

Dass prekarisierte Menschen diese Chancen womöglich nicht nutzen können, sondern stattdessen noch stärker ausgegrenzt werden, darüber wird selten diskutiert. Dabei sind die Konsequenzen oft gravierend. Mühlebach bringt auch dazu ein Beispiel: Auf vielen Gemeinden müssen Armutsbetroffene beim Sozialdienst ihre Kontoauszüge auf Papier einreichen. Wer keinen Zugang zu einem Drucker hat, bezahlt bei der Bank extra für den Papierauszug. «So werden Armutsbetroffenen und digital Abgehängten noch Zusatzgebühren aufgehalst», sagt sie. Natürlich seien das oft nur ein paar Franken pro Monat. «Aber wer weiss, was es in der Schweiz bedeutet, von einem kleinen Budget zu leben, der weiss auch, dass es auf jeden Fünfliber ankommt. Solche Menschen werden doppelt bestraft. Das ist hochproblematisch.»

Tatsächlich ist Armut ein grosser Treiber digitaler Ausgrenzung. Alter und Bildung sind weitere Ursachen. Sie alle bestimmen darüber, wie häufig jemand das Internet benutzt, wie hoch die digitalen Kompetenzen sind, wie viele soziale Kontakte jemand hat. Dabei ist es keineswegs so, dass einzig ein bisschen Spass und Ablenkung im Internet verloren gehen. Digital Ausgegrenzte können sich nicht so entfalten, wie es möglich und gewünscht wäre.

Sie verlieren den Anschluss an soziale Netzwerke, die sich über soziale Medien und Chatgruppen bilden. Oder sie verlieren mangels digitaler Kompetenzen ihre Arbeit und finden dann keine Stelle mehr, weil alles über digitale Kanäle läuft.

Dem folgen manchmal Stigmatisierung und Scham auf dem Fuss. Es kann doch nicht so schwierig sein, mit diesen kleinen Wundergeräten umzugehen, oder? «Wer über wenig Geld verfügt, hat oft auch wenig Zeit», gibt Isabelle Lüthi von Caritas Zürich zu bedenken. Man dürfe nicht vergessen, dass Menschen in finanziell prekären Situationen oft unter Druck stehen, weil sie mehr arbeiten und mitunter zusätzlich noch Care-Arbeit verrichten müssen. «Es braucht aber sowohl Zeit als auch Geld, um sich im Hinblick auf den veränderten Arbeitsmarkt weiterzubilden und sich digitale Grundkompetenzen anzueignen.» Natürlich wäre es gut, wenn sich digital Abgehängte weiterbilden und sich die nötigen Grundkenntnisse aneignen würden. Aber das ist einfach gesagt. «Wer ständig die eigene Existenz sichern muss, hat keine Zeit für Weiterbildung.»

Gleichzeitig werden die Anforderungen in der Arbeitswelt immer digitaler. Bewerbungen müssen online oder per Video eingereicht werden und Stellen erfordern den souveränen Umgang mit mehr oder minder gängigen digitalen Technologien. So verlieren viele ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie auf der falschen Seite des digitalen Grabens stehen. Wer nicht weiss, wie man einen hübschen Lebenslauf gestaltet oder mit dem alten Gerät Mühe hat, das Onlineformular auszufüllen, kann sich auf gewisse Stellen gar nicht erst bewerben.

Mehr Jobs – für Hochqualifizierte

«Bei diesen Menschen droht die Gefahr, in prekäre Jobs gedrängt zu werden», sagt Lüthi. Paradoxerweise ist zudem mit der digitalen Plattformarbeit auf Uber oder Just Eat ein völlig neues Modell der prekären Arbeit erst durch die Digitalisierung entstanden. Und diese neue Form des Arbeitens ist vielleicht ein Vorgeschmack auf die drohenden Umwälzungen.

Unterdessen wird auf der akademischen Ebene munter über die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt gestritten. «Manche sagen, dass sich die Arbeitslosigkeit massiv reduzieren wird, weil es durch die Digitalisierung mehr neue Jobs geben wird», sagt Christine Mühlebach. «Aber selbst wenn das eintreffen wird, stellt sich die Frage: Jobs für wen?»

Ein Blick in den Digitalisierungsbericht von educa – der Fachagentur für Bildung in der Schweiz – verrät: Expert*innen gehen davon aus, dass in Zukunft vor allem hochqualifizierte Menschen mehr Arbeit finden werden. Gleichzeitig werden pro 100 000 Franken, die in die Digitalisierung investiert werden, rund sechs Stellen im mittleren und tiefen Qualifikationsbereich verschwinden.

«Die Frage ist dann, was wir mit jenen machen, die keinen Zugang mehr zum digitalisierten Arbeitsmarkt haben», sagt Mühlebach. «Diese Diskussion muss jetzt auf sozial- und wirtschaftspolitischer Ebene intensiviert werden.» Vielleicht wäre die Schule ein guter Ort, den digitalen Graben zuzuschütten und junge Menschen auf eine sich verändernde digitale Gesellschaft vorzubereiten. Mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 rückte die Digitalisierung in der Bildung schlagartig in den Fokus. Von einem Tag auf den anderen mussten Klassen online unterrichtet und Hausaufgaben über digitale Plattformen eingereicht werden. Statt Stift und Papier waren Tablets das Hauptwerkzeug fürs Lernen.

Ein grosses Experiment, das einen Flickenteppich, grosse Mängel und Ungleichheiten zum Vorschein brachte. «Zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass es keine flächendeckenden Daten darüber gibt, wer an der Schule welche Geräte zur Verfügung hat und was wie genutzt wird», sagt Chantal Oggenfuss. Sie untersucht für die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) die Digitalisierung an den Schulen.

So versuchte Oggenfuss ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und sammelte Daten, wie digitale Mittel an Schulen verwendet werden. Zum einen entdeckte sie, dass zu Beginn der Pandemie Eltern mit Hochschulabschluss für ihre Kinder öfter ein neues Gerät für die Schule kauften als weniger gut ausgebildete Eltern. Noch grösser waren die Unterschiede aber zwischen den Sprachregionen. Während fast 90 Prozent der Schüler*innen in der Deutschschweiz angaben, einen Computer an der Schule zu nutzen, machten das in der Westschweiz weniger als 70 Prozent und im Tessin nur noch die Hälfte.

Und wer von zuhause aus lernen will, braucht unweigerlich einen funktionstüchtigen Internetanschluss. Hier zeigte sich, dass Kinder von Eltern mit geringem Bildungshintergrund doppelt so häufig die Geschwindigkeit des Anschlusses bemängelten. Das ist kein Luxusproblem, denn Forschung aus England konnte nachweisen, dass die Geschwindigkeit des Internetanschlusses zuhause eng mit den Schulleistungen der Kinder zusammenhängt. Je schneller der Internetzugang, desto besser die standardisierten Testwerte der Kinder.

Inklusionschancen bleiben ungenutzt

Oggenfuss veranschaulicht den Zusammenhang mit einem Beispiel: Stellen wir uns eine vierköpfige Familie mit einem einfachen Internetanschluss vor, die sich womöglich zu viert einen Laptop teilt. «Wenn die älteste Tochter jetzt etwas für die Schule im Internet erledigen muss, passiert es eher, dass sie gewisse Aufgaben schlechter, langsamer oder gar nicht erledigen kann.» Ein Problem, das auch nicht behoben wird, wenn die älteste Tochter während des Unterrichts ein passendes Gerät von der Schule erhält. Dann herrscht zwar im Klassenzimmer eine gewisse Chancengleichheit – zuhause tut sich der Graben aber wieder auf.

Auch wenn der Einfluss von digitalen Mitteln auf die Bildungsqualität noch wenig erforscht ist, bieten sie offensichtliche Chancen. Wer schlecht lesen kann, schaut sich ein Video an oder hört ein Hörbuch. Wer schlecht schreibt, nutzt vermehrt Sprachnachrichten. Überset-ungsapps helfen dabei, sich über Sprachgrenzen hinweg zu verständigen.

Gerade auch für Menschen mit Behinderungen könnte die Digitalisierung eine bessere Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. «Der digitale Weg kann eine wunderbare Möglichkeit sein, die Welt in die eigene Stube zu ho-len», sagt Andreas Uebelbacher. Er arbeitet seit zehn Jahren für die Stiftung «Zugang für alle», welche sich für die Förderung der digitalen Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen einsetzt.

Beteiligung am öffentlichen Leben

In der Realität sieht es jedoch anders aus. «In den meisten Digitalisierungsprojekten ist niemand involviert, der blind oder gehörlos ist oder eine eingeschränkte Bedienungsmobilität hat.» Das Resultat sind digitale Angebote, welche für Menschen mit Behinderungen schwer oder schlicht gar nicht nutzbar sind. «Wenn man auf einer Website eine wunderschön gestaltete Infografik hat, ist diese Information für eine blinde Person komplett verloren, wenn es keine sinnvolle Textalternative gibt, die sie sich vorlesen lassen kann.»

In der Schweizer Accessibility (dt. Zugangs-) Studie von 2016 untersuchte die «Zugang für alle», wie gut sich fürs öffentliche Leben wichtige digitale Angebote von Menschen mit Behinderungen nutzen lassen: Websites des Bundes oder bundesnaher Betriebe, von Städten und Kantonen sowie Newsportale und Onlineshops. Das Urteil fiel vernichtend aus. Weniger als die Hälfte der Kantone und Städte erreichte eine genügende Note. Bei Newsportalen und Onlineshops bestanden gar nur zwei von 26 untersuchten Seiten den Test. «So vieles läuft heute digital ab», sagt Uebelbacher. «Das bedeutet aber auch, dass der Bereich, wo Menschen potenziell ausgeschlossen werden, zunehmend grösser wird.»

Gerade für Menschen mit Behinderungen ist der digitale Kanal oft die einzige Möglichkeit, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. «Eine Tetraplegikerin kann nicht schnell aufs Kreisbüro gehen und sich eine Wohnsitzbestätigung holen, und jemand mit einer Sprachbeeinträchtigung kann nicht am Schalter ein Ticket lösen», sagt Uebelbacher. Weil analoge Kanäle für viele nicht funktionieren, sind die digitalen plötzlich noch wichtiger.

«Doch es hapert leider noch beim Ausschöpfen der Chancen der Digitalisierung», so Uebelbacher. Es fehle am nötigen Wissen in der Ausbildung und Entwicklung und es herrsche das Vorurteil, dass Barrierefreiheit mit Mehraufwand verbunden ist. «Es muss einfach von Anfang an mitgedacht werden und nicht als Surplus behandelt werden. Dann ist es keine Hexerei.» So könnte ein grosser Mehrwert für die Gesellschaft erreicht werden, denn für Menschen mit Behinderung bedeute ein digitales Angebot oft auch ein Stück mehr Selbständigkeit und Selbstbestimmung.